Corona Virus

Posted on Sa 01 Februar 2020 in science

Aktuelle Daten am Ende des Posts

Gerade kann man keine Zeitung aufschlagen, ohne mit Meldungen über das Coronavirus überhäuft zu werden – eine sensationsheischender, als die andere. Und das zeigt Wirkung: Die Menschen sind verunsichert, Ärzte werden von Patienten überrannt, die sich Sorgen machen und viele Apotheken haben keine Gesichtsmasken mehr – ausverkauft. Es ist oft die Rede von einer neuen Epidemie und Vergleiche mit der spanischen Grippe, SARS und anderem werden gezogen.

Da fragt sich der rational denkende Mensch zurecht, wie groß die Gefahr bzw. das Risiko denn tatsächlich ist. Alles Panikmache? Ernste Bedrohung? Die Medien sind bei der Beantwortung dieser Frage nur teilweise hilfreich, denn auch bei seriöser Berichterstattung wirkt die emotionale Komponente in uns weit mehr, als die Zahlen, denn es ist nicht leicht diese intuitiv richtig zu beurteilen.

Also unternehme ich heute mal den Versuch, mich dem Thema sachlich zu nähern und zu einer Einschätzung zu kommen.

Verbreitung

Der Ausgangspunkt der aktuellen Corona Virus Welle (new Corona Virus = nCoV) ist die Stadt Wuhan, Hauptstadt der chinesischen Provinz Hubei. Die Stadt hat laut Wikipedia über 11 Millionen Einwohner, in Hubei leben 58.5 Millionen Menschen.

Eine gute Informationsquelle zur Ausbreitung ist das Robert-Koch Institut (RKI). Dort finden sich tagesaktuelle Daten zur Ausbreitung. am 01.02.2020 verzeichnet diese Statistik 7153 nCoV-Fälle in der Provinz Hubei (inkl. Stadt Wuhan), darunter 259 Todesfälle.

Wenn man annimmt, dass alle Kranken auch noch krank sind und nicht inzwischen wieder gesund, dann ist die aktuelle Prävalenz also \(7153/58\cdot 10^6 = 0.012\%\). D.h. einer von 8108 Einwohnern ist erkrankt. Nun könnte man sagen, dass das unfair ist, weil der Schwerpunkt ja in der Hauptstadt liegt. Also nehmen wir mal an, dass alle Erkrankungsfälle in Wuhan angesiedelt wären – dann wäre die Prävalenz \(11\cdot 10^6 = 0.065\%\). D.h. einer von 1538 Menschen, was aber natürlich überschätzt ist.

Betrachten wir die Todesfälle, dann ergeben sich für Hubei \(259/58\cdot 10^6 = 0.000447\%\) (ein Toter pro 223938 Menschen) und worst-case für Wuhan \(259/11\cdot 10^6 = 0.0259\%\) (ein Toter pro 3861 Einwohner).

Ok – aber ist das nun viel, oder wenig? Um die Zahlen zu bewerten ist es vielleicht hilfreich, eine Erkrankung zu betrachten, die uns geläufiger ist. Z.B. die Influenza (umgangssprachlich Grippe genannt). Ich zitiere mal wieder das RKI:

Das Robert Koch-Institut hat seinen Bericht zur Influenzasaison 2018/19 veröffentlicht. Die vergangene Grippewelle verlief vergleichsweise moderat: Die Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI verzeichnete rund 3,8 Millionen influenzabedingte Arztbesuche – in der ungewöhnlich starken Grippewelle 2017/18 wurden dagegen 9 Millionen influenzabedingte Arztbesuche registriert.

Also sagen wir mal im Mittel so 5 Millionen Arztbesuche pro Saison. Aber vermutlich gehen manche Kranken mehr als einmal zum Arzt und auf der anderen Seite werden manche überhaupt nicht beim Arzt auftauchen. Also ist die Abschätzung der Erkrankungszahlen und auch der Influenza-bedingten Todesfälle garnicht so einfach. Zum Glück gibt es aber Experten, die sowas professionell analysieren. Auf der oben verlinkten Seite des RKI findet sich auch der Influenzabericht des Instituts. In diesem finden wir dann seriös geschätzte Zahlen. Auf Seite 47 (Tabelle 3, Sektion 5.3 Influenza bedingte Todesfälle) finden wir eine Tabelle mit enstprechenden Daten und ich habe sie hier mal graphisch dargestellt:

Also alle paar Jahre haben wir in Deutschland eine schwere Grippewelle mit über 20000 Toten. Bei 83 Millionen Einwohnern sind das \(20000/83\cdot 10^6= 0.0241\%\) oder ein Toter auf 4150 Menschen. In den USA schwankt die Zahl der Influenza-Toten je nach Saison zwischen 12000 und 61000 pro Jahr (Quelle: CDC). Die CDC schätzt die Zahl der Influenza-Todesfälle weltweit auf 291000 – 646000 pro Jahr. D.h. die Mortalität liegt weltweit so ungefähr bei \(500000/7700000000 \cdot 100 = 0.065\%\).

Also rangiert der Corona-Ausbruch in Wuhan momentan etwa in der gleichen Mortalitäts-Liga, wenn, man den Extremfall (nur Wuhan) annimmt. Allerdings ist die Sache noch im Gange und es bleibt abzuwarten wie die Zahlen aussehen, wenn der Spuk vorüber ist. Dennoch finde ich es interessant, dass zwar viele Angst vor Corona haben, aber sich kaum jemand gegen Grippe impfen lässt. Hinzu kommt, dass wir hier grade die nCoV Zahlen aus China verwenden.

Die aktuelle Lage in Deutschland ist eine völlig andere: Bisher haben wir eine Handvoll Corona Erkrankungen und keinen Todesfall.

Letalität

Apropos Todesfall – wie tödlich ist dieses neue Corona Virus eigentlich im Vergleich zur Grippe? Um das zu beurteilen fehlen uns noch die Erkrankungszahlen der Grippe. Der Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2017/18 spricht von 334000 nachgewiesen Fällen. Das ist aber eine grobe Unterschätzung, denn man kann davon ausgehen, dass in der Mehrzahl der Fälle gar kein Labornachweis angestrebt wurde. Die Behandlung solcher Virusinfekte unterscheidet sich schließlich nicht durch den Nachweis des Influenza Virus.

Der gleiche Bericht schätzt die Anzahl der Personen, die wegen Influenza-Verdacht den Arzt aufgesucht haben (Exzess-Konsultationen) auf 9 Millionen. Die hatten sicher nicht alle Influenza und so dürfte die Wahrheit irgendwo zwischen diesen beiden Zahlen liegen. Nehmen wir mal vorsichtig an, dass es tatsächlich 2 Millionen Krankheitsfälle waren. Wie wir oben schon gesehen haben gab es in dieser Saison 25000 Influenza-Tote.

Dann wäre die Letalität (Wahrscheinlichkeit bei Erkrankung an der Influenza zu sterben) \(25000 / 2\cdot 10^6 = 1\%\), also einer von 100 Kranken stirbt.

Die Saison 2017/18 war, wie oben schon zitiert eine der schwersten Grippe-Epidemien seit vielen Jahren. Aber ich denke der Vergleich ist fair, denn das Corona-Virus zieht ja auch nicht jedes Jahr mordend um den Globus.

Und Corona? In Hubei sind es aktuell 259 Tote und 7153 registrierte Erkrankungen. Wenn wir mal davon ausgehen, dass die Dunkelziffer ähnlich hoch ist, wie bei der Influenza, dann kann man analog zu obiger Rechnung von ca. 43000 tatsächlichen Erkrankungen ausgehen. Die Letalität wäre dann bei \(259 / 43000 = 0.6\%\) oder einem Todesfall pro 166 Erkrankungen.

Übertragung

Nach all der Datenbetrachtung sollten wir uns noch kurz mit dem Übertragungsweg beschäftigen. Coronaviren, und so auch das neue nCoV, werden per Tröpfcheninfektion übertragen. D.h. durch die Weitergabe von Sekret, wie es beim Husten oder Niesen in die Gegend versprüht wird. Solange es nicht eingetrocknet ist (Tröpfchen!) ist es ansteckend. Neben dem direkten "Anhusten" oder "Anniesen" spielt noch die Übertragung über die Hände eine größere Rolle: Wer erst in seine Hand hinein niest und selbige dann fröhlich zur Begrüßung reicht fördert die Übertragung, wenn der Begrüsste dann wiederum die Hand mit Mund oder Nase in Kontakt bringt.

Was kann ich also tun?

  • Regelmäßig Hände waschen. Seife reicht, Desinfektion muss für Otto Normalverbraucher nicht sein.
  • Wenn ich krank bin sollte ich nicht meine Umwelt "besprühen". Wie wäre es mit ein paar Tagen Home-Office, oder wenn ich mich tatsächlich schlecht fühle auch Krankmeldung?
  • Sollte ich eine Maske tragen? Eher nicht – das bringt nicht viel, da die Masken nicht zum Dauergebrauch gemacht sind. Und es sieht echt blöd aus. Letzteres ist relevant, weil es ggf. weitere Panik auszulöst... Anders sieht es natürlich aus, wenn ich tatsächlich stark exponiert bin. Z.B. Ärzte oder Krankenpfleger/Schwestern, die nCoV Kranke betreuen. Oder wenn ich tatsächlich erkrankt bin – um meine Umwelt etwas zu schützen.
  • Nicht unbedingt ins Zentrum des Geschehens (Wuhan/Hubei) reisen, wenn es vermeidbar ist.

All das gilt ganz genauso natürlich auch für die Grippe und andere Tröpfcheninfektionen.

Vorläufiges Fazit

Es ist natürlich noch zu früh das abschließend zu bewerten, denn die Corana Welle ist noch nicht vorbei und wir kennen die endgültigen Zahlen noch nicht. Auch stecken in meinen Überschlagsrechnungen natürlich verschiedene Annahmen. Aber die Größenordnung ist sicher nicht völlig daneben.

Meine Schlüsse aus dem Ganzen lauten:

  • Das neue Corona-Virus ist eine ernste Erkrankung – genau wie die Grippe.
  • Gegen Grippe gibt es eine Impfung – ich hole sie mir jedes Jahr.
  • Die Corona-Bedrohung in Deutschland ist momentan vernachlässigbar. Außer man hatte direkten Kontakt mit Erkrankten, hier oder auf einer Reise nach Hubei.

Kontinuierliches Update

Nachdem sich die Zahlen nun laufend ändern werden finde ich es ganz interessant, sie über eine Weile zu verfolgen. Und so werde ich die folgenden aktualisierten Daten immer wieder mal auf den neuesten Stand bringen. Die Zahlen entnehme ich den situation reports der WHO oder der RKI-Seite.

Daten-Stand 2020-05-21:

Global

Label Beschreibung
cases Anzahl der bisher aufgetreten nCoV Labor-bestätigten Fälle weltweit
deaths Anzahl der bisherigen nCoV Todesfälle weltweit
lethality.percent Weltweite Letalität in Prozent (deaths/cases * 100)
new.cases Anzahl der pro Tag neu auftretenden nCoV Fälle weltweit
new.deaths Anzahl der pro Tag neu auftretenden Todesfälle weltweit

China und Hong Kong

Deutschland

Neben den Datenpunkten ist eine Ausgleichskurve (LOESS smoother), sowie das dazugehörige 95% Konfidenzintervall dargestellt. Ab 2020-02-17 sind cases sowohl klinisch diagnostizierte, als auch laborbestätigte, davor nur solche mit Labornachweis (rote Line).

2020-02-03: Die Anzahl neuer Erkrankungen und Todesfälle pro Tag steigt noch an. D.h. der Höhepunkt der Epidemie ist noch nicht erreicht. Da die Epidemie in China ausgebrochen ist dürfte dort auch zuerst der Höhepunkt erreicht werden. Und um den Punkt nicht zu verpassen zeige ich die Zahl der Neuerkrankungen in China separat. Je länger wir Daten sammeln, desto zuverlässiger können wir die Letalität bestimmen – sie scheint sich so bei gut zwei Prozent einzupendeln. Dabei ist zu beachten, dass die tatsächliche Zahl der Erkrankungsfälle sicher deutlich höher liegt, als die der registrierten Fälle (Dunkelziffer) – d.h. die tatsächliche Letalität ist entsprechend niedriger. Im Falle der Influenza hatten wir angenommen, dass es etwa sechsmal so viele Fälle gibt, wie gemeldet wurden. Der Faktor 6 stimmt sicher nicht genau, aber die Größenordnung ist nicht unplausibel. Eine große Dunkelziffer bei den Todesfällen erwarte ich hingegen nicht, da in der aktuellen Lage alles sensibilisert sind und vermutlich alle Toten auch getestet werden. Andererseits liegt zwischen der Diagnose und dem Tod eine gewisse Zeit, so dass man die Letalität wiederum unterschätzt. Um wieviel? Ich weiß es nicht. Wegen dieser Unsicherheiten bleibe ich momentan auch dabei, die unkorrigierte Letalität zu plotten.

2020-02-06: Ich habe den Eindruck, dass die Letalität weiterhin leicht sinkt. Das könnte daher kommen, dass konsequenter getestet wird und so die Dunkelziffer sinkt, oder auch durch bessere Versorgung und somit tatsächlich sinkender Letalität.

2020-02-07: Zum zweiten mal in Folge ist die Zahl der neuen Erkrankungen geringer ausgefallen als am Tag zuvor – das kann aber natürlich auch einfach Zufall sein. Also warten wir erstmal ein paar Tage ab, bevor wir proklamieren, der Höhepunkt der Epidemie sei erreicht. Zumal die Zahlen nach wie vor von China dominiert werden und unklar ist, wie stark die Epidemie in anderen Ländern Fuß fassen wird.

2020-02-08: Heute wieder etwas höhere Zahl der Neuerkrankungen, aber weniger, als Vorgestern. Vielleicht kommen wir tatsächlich dem Höhepunkt näher. Bei den neuen Todesfällen sieht man diese Verlangsamung nicht – das ist aber auch logisch, denn sie hinkt den Neuerkrankungen naturgemäß hinterher. Entsprechend wird die unkorrigierte Letalität nach dem Höhepunkt wieder leicht ansteigen.

Eine weitere Frage fand ich noch spannend: Viele Leute reden davon, dass sich die Epidemie exponentiell ausbreitet. Vermutlich meinen sie einfach sauschnell, aber streng genommen bedeutet der Begriff, dass die Fallzahlen einer Exponentialfunktion folgen. Wenn das der Fall ist, dann sollte der Anstieg eine gerade Linie werden, wenn wir eine logarithmische y-Achse verwenden. Schauen wir mal:

Man sieht anfangs (bis ca. 28. Januar) tatsächlich einen linearen Anstieg auf der log-Skala, also war die Ausbreitung bis dahin exponentiell. Seit dem ist sie es aber nicht mehr, sondern deutlich langsamer.

2020-02-09: Heute hatte weder das RKI, noch die WHO neue Zahlen, also stammt der neueste Datenpunkt heute von dieser Seite. Update: Am Abend kamen doch noch WHO Zahlen und die sind nun drin.

Der Abwärtstrend bei den Neuerkrankungen setzt sich fort und wie Vorgestern angekündigt steigt nun die unkorrigierte Letalität an.

Apropos Risiko. Im Hauptteil dieses Posts hatte ich die Influenza als Beispiel verwendet, um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, wie gefährlich nCoV ist. Sowas ist hilfreich, weil es einen Referenzpunkt liefert. Und das wollen wir heute etwas ausbauen und ich habe mal ein paar Zahlen recherchiert, wieviel Menschen in Deutschland jährlich verschiedenen Risiken zum Opfer fallen:

Todesursache Tote pro Jahr Quelle
Influenza 0 – 25000 RKI
Verkehrsunfälle 3200 Statista
Krebs 23000 Statista
Haushaltsunfälle 9800 Spiegel.de
Suizid 9000 Statista
Illegale Drogen 1200 Statista
Mord 300-400 Statista
Hundebisse ≈3 Spiegel.de
Insektenstich ≈15 Spiegel.de
Kuh, Elefant & Co ≈20 Spiegel.de

2020-02-10: Neue Zahlen – teils RKI, teils WHO, da das RKI wohl keine Lust mehr hat, die Zahlen aus China genauer auf die Homepage zu schreiben und nun auf eine Seite der WHO verweist. Oh und aktuell gibt es 14 Fälle in Deutschland.

2020-02-11: Die Neuerkrankungen sinken weiter. Um ehrlich zu sein bin ich überrascht, dass die Ausbreitung sich so schnell verlangsamt. Zum heutigen Tage gibt es in China 42670 Fälle. Das sind nicht mal 1 Promille der Bevölkerung von Hubei und bezogen auf das Ganze Land ist es garnix, also kann von einer Durchseuchung der Bevölkerung noch lange keine Rede sein. Außer die Dunkelziffer wäre astronomisch hoch und die Mehrheit hätte keine oder nur äußerst milde Beschwerden. Oder sind das die Isolationsmaßnahmen? Das kann ich mir fast nicht vorstellen, denn wir wissen, dass nCoV sehr ansteckend ist und China ist nicht gerade ein Land in dem eine konsequente Isolation machbar erscheint, wo in den Großstädten viele Millionen Menschen zusammen leben. Kann es sein, dass große Teile der Bevölkerung immun sind? Das wäre grundsätzlich denkbar, denn Coronaviren sind an sich nichts seltenes – nur verlaufen Infektionen mit den "normalen" Stämmen eben unspektakulär. Und es wäre möglich, dass man immun, oder zumindest weniger anfällig, ist wenn man in der Vergangenheit (oder kürzlich) ein anderes, weniger aggressives, Coronavirus hatte. Letztere Theorie ist momentan meine persönliche Vermutung, aber das sind Spekulationen, denn ich bin nun wirklich kein Virologe. Falls jemand mit der entsprechenden Expertise das hier liest würde ich mich über ein Feedback freuen.

2020-02-12: Weiterhin sinkende Neuerkrankungen. Aber noch konstant steigende neue Todesfälle. Entsprechend steigt auch die unkorrigierte Letalität weiter an – heute liegt sie so ca. bei 2.75%. Aber wie hoch ist sie denn nun real? Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wieviel Zeit im Schnitt zwischen der Diagnose und dem Tod liegen. Wäre diese Zeitspanne z.B. \(\Delta t = 10\) Tage, dann wüssten wir, dass wir zur Berechnung der Letalität die heutige Zahl von Todesfällen durch die Zahl bekannter Fälle vor 10 Tagen teilen müssen. Der so ermittelte Wert ist noch nicht die reale Letalität, da die Dunkelziffer unberücksichtigt ist, aber es wäre ein Anfang. Grundsätzlich gibt es sicherlich Daten zur mittleren Dauer zwischen Diagnose und Tod, aber ich habe sie nicht.

Aber man könnte sich der Frage auf andere Weise nähern: Wenn wir annehmen, dass es in Wahrheit keine Veränderung der Letalität über die Zeit gibt könnten wir versuchen, diejenige Zeitspanne \(\Delta t\) zu finden, bei der die Letalität einigermaßen gleich bleibt. Also schauen wir uns doch mal den Letalitäts-Plot für verschiedenen Werte von \(\Delta t\) an (lethality.\(\Delta t\)):

Hm – ich hatte irgendwie gehofft, dass bei irgendeinem Wert eine halbwegs horizontale Line entsteht. Der Überschießer am Anfang ist vermutlich wurscht – aber nach hinten raus sollte die Kurve weder steigen, noch fallen. Am ehesten scheint das bei einem \(\Delta t = 3\) oder 4 der Fall zu sein und die dazugehörige Letalität wäre dann sowas wie 3%. Aber so richtig überzeugend finde ich die Grafiken nicht. Und ich finde auch 3-4 Tage viel zu kurz, um plausibel zu sein. Ich hätte sowas wie eine Woche erwartet, aber geht man in diese Regionen, ist die Kurve steil wie eine Skischanze und bei noch höheren Werten bekommen wir zum Teil Datenpunkte mit total unrealistisch hohen Letalitäten (teils > 100%). Wahrscheinlich ist die Annahme, dass man hier eine konstante Zeit einsetzen kann einfach falsch. Vermutlich ist die Zeit zwischen Diagnose und Tod sehr verschieden und ändert sich evtl. auch über die Zeit – möglicherweise durch die intensivere Aufmerksamkeit, bessere Versorgung, ...

Wie auch immer – ich bin geneigt, am ehesten die Größenordnung von ca. 3% zu glauben. Aber warten wir es ab.

2020-02-13: Heute spannend: Sowohl die Fallzahlen, als auch Todesfälle, Neuerkrankungn und neue Tote haben einen Sprung gemacht: 60376 Fälle weltweit, 59807 davon in China, 1369 Tote, einer davon außerhalb Chinas. Das sieht überhaupt nicht aus, wie der Verlauf der Epidemie selbst – ich würde mal sagen, da hat jemand unter dem Sofa nachgeschaut und "ganz unerwartet" neue Fälle "gefunden"... Das erleichtert die Einschätzung nicht gerade.

2020-02-14: Hm - die WHO zeigt auf ihrer Seite heute wieder geringere Zahlen, als gestern und in die situation reports haben es die gestrigen hohen Zahlen ebenfalls nicht geschafft. Eine Ente? Ich warte mal ab und aktualisiere heute Abend erst. Vielleicht ist die Lage dann klarer.

Ich habe nun die Zahlen für gestern und heute auf die aus den WHO situation reports korrigiert und die zuvor gemeldeten Zahlen in den gestrigen Eintrag hineingeschrieben, damit sie nicht verloren gehen.. Offenbar war der gestern gemeldete sprunghafte Anstieg ein Fehler. Eine Erklärung oder Stellungnahme habe ich bisher nicht gefunden. Jedenfalls passen diese Zahlen wieder recht gut zum bisher beobachteten Verlauf und die neuen Fälle nehmen weiterhin ab und erstmalig scheinen nun auch die neuen Todesfälle abzunehmen.

2020-02-15: Ich glaube nun zu wissen, was es mit den viel höheren Daten auf sich hat: Seit ein paar Tagen berichten die chinesischen Behörden neben der Zahl der Labor-bestätigten Fälle auch die klinisch diagnostizierten Fälle. Beide zusammen ergeben dann die viel höheren Werte. In den WHO Reports tauchen diese seit zwei Tagen in einer neuen Tabelle auf und ich zeige sie ab sofort in der variabe 'cases.cn.tot'.

2020-02-17: Ab sofort meldet die WHO nun alle "bestätigten" Fälle und nicht mehr, wie bisher, nur solche mit Labor-Nachweis. Ich habe nun also die Spalte cases.cn.tot wieder fallen lassen und wir bekommen nun doch einen Sprung in die Daten. Ich habe den Zeitpunkt der Umstellung in allen Grafiken durch eine rote Line markiert. Epidemiologisch mag es schon korrekt sein, diese Fälle auch zu zählen, aber es ist natürlich für unsere Analyse bedauerlich, einen Sprung in den Daten zu haben. Durch die Maßnahme sinkt die Dunkelziffer natürlich, ich gehe aber weiter davon aus, dass wir nur den kleineren Teil der tatsächlichen Fälle in der Statistik erfassen.

2020-03-01: Das Virus ist in der Zwischenzeit in diversen Ländern, auch in Europa, angekommen. Um den Verlauf in der Ursprungsregion besser verfolgen zu können, zeige ich ab heute zusätzlich die neuen Todesfälle in China (new.deaths.cn) und die dortige Letalität. Auch habe ich die Plot Panels etwas umsortiert. Es sieht so aus, als wäre China fast über den Berg – die Zahl neuer Fälle und Toten sinkt stetig.

Wenn wir mal annehmen, dass alle chinesischen Fälle in Hubei lägen (was natürlich nicht ganz stimmt) und von 80000 nCoV-Fällen ausgehen, dann hätten sich ca. 0.14 % der dortigen Bevölkerung infiziert. Und wenn wir mal rund 3000 Tote ansetzen, dann wäre die Letalität bei 3.75 % und die Mortalität, also wie Wahrscheinlichkeit als Bewohner von Hubei an Corona zu sterben, läge bei 0.005 % (einer von ≈20000 Menschen). Dass die tatsächliche Letalität wg. der Dunkelziffer geringer sein dürfte habe ich schon mehrfach erwähnt.

Bei uns in Deutschland hat inzwischen vielerorts Beunruhigung eingesetzt und Die Drogerien und Supermärkte haben keine Desinfektionsmittel mehr. Warum ich das erwähne? Weil diese Reaktionen ein großes Problem sind: Die Anschaffung von Händedesinfektionsmittel für Privathaushalte ist nicht sinnvoll (Seife ist völlig ausreichend), aber in Kliniken und Praxen wird es unbedingt gebraucht, damit die Mitarbeiter die gebotenen Hygienemaßnahmen einhalten können. Zwar ist Corona nicht wirklich im Praxisalltag angekommen, aber wir befinden uns mitten in der Grippewelle! Und was soll ich sagen? Die Praxis- und Klinikbedarfs-Firmen haben einen Lieferengpass! Das ist ein Problem!

Und wer wissen möchte, was ich getan habe um mich vorzubereiten: Nichts. Garnichts. Ich habe kein Desinfektionsmittel zuhause, keine Lebensmittelvorräte für Wochen eingelagert und auch keinen Bunker im Garten gegraben. Ich habe die ganz normalen Vorräte zuhause wie immer - ein paar Tage reichen die immer und natürlich habe ich Seife da. Mehr ist nicht erforderlich. Übrigens gehören meine Frau und ich quasi zur Hoch-Risikogruppe: Meine Frau ist Kinderärztin und wird beruflich den lieben langen Tag lang angehustet. D.h. wenn es jemand bekommt, dann wir...

Dennoch ist es natürlich sinnvoll, die Ausbreitung etwas einzudämmen: Z.B. nicht unbedingt jetzt in bekannte Risikogebiete fahren, regelmäßig Händewaschen, andere nicht anhusten und bei neu auftretenden Erkältungssymptomen lieber ein paar tage Home-Office machen, wenn er Arbeitgeber mitmacht. Und solang es Euch gut geht solltet Ihr vielleicht auch nicht mit jedem Problem in eine Arztpraxis rennen. Die sind nämlich grade total überlastet und Solltet Ihr Corona haben ist das ein idealer Ort, um richtig viele andere Leute anzustecken. Also erstmal anrufen...

2020-03-07: Die Änderung des Reportings am 17.2. hat dazu geführt dass man die Plots für new.cases und new.cases.cn nicht mehr wirklich lesen kann, weil die y-Skala so komprimiert wird. Deswegen habe ich heute beschlossen diese beiden Datenpunkte zu entfernen, damit man die Kurven wieder vernünftig interpretieren kann.

2020-03-10: Seit ein paar Tagen kann man davon sprechen, dass es in Deutschland langsam auch losgeht und so habe ich die Zahlen der RKI Situations-Reports nachgetragen und zeige ab heute separate Kurven für Deutschland. Noch haben sie wenige Datenpunkte uns sind daher kaum zu interpretieren.

2020-03-14: In der Kurve der weltweiten Fälle sieht man schön, dass die Ausbreitung nun in Europa Fahrt aufgenommen hat, denn nach der Abflachung durch die Abnahme in China ist sie nun wieder steiler.

Neulich hatten wir Vergleichszahlen zur Mortalität durch verschiedene Ursachen betrachtet. Heute habe ich mal Vergleichszahlen dazu mitgebracht, wie ansteckend das Virus im Vergleich zu anderen Krankheiten ist (R0, also die mittlere Zahl von Menschen, die ein Erkrankter in einer Population ohne Immunität ansteckt).

Krankheit Infektionsweg R0
Masern Tröpfcheninfektion 12–18
Diphtherie Speichel 6–7
Pocken Tröpfcheninfektion 5–7
Polio Fäkal-oral 5–7
Röteln Tröpfcheninfektion 5–7
Mumps Tröpfcheninfektion 4–7
Pertussis Tröpfcheninfektion 5.5
HIV/AIDS Sexualkontakt 2–5
SARS Tröpfcheninfektion 2–5
COVID-19 Tröpfcheninfektion 1.4–3.9
Influenza Tröpfcheninfektion 2–3
(1918 Pandemie Stamm)
Ebola Körperflüssigkeiten 1.5–2.5
(2014 Ebola Ausbruch)
MERS Tröpfcheninfektion 0.3–0.8

Quelle: Wikipedia, die es ihrerseits aus verschiedenen Publikationen hat. Siehe Quellenangaben dort. D.h. nCoV-19 ist, wie ja bereits bekannt durchaus ziemlich ansteckend, allerdings wird es in Sachen Ansteckung von den vielen "Kinderkrankheiten" in den Schatten gestellt. Warum gibt es dann aber keine Masernepidemie, wo es doch viel ansteckender ist?

  1. Weil es in der Bevölkerung einen hohen Anteil von Immunität gibt. Das liegt zum Einen daran, dass die Masern seit langem bei uns endemisch sind und zum Anderen an der Impfung.
  2. Die gibt es tatsächlich in Regionen, wo nicht ausreichend geimpft wird! Z.B. geschehen in Berlin 2015 Und auch bei isoliert lebenden Naturvölkern kam es immer wieder zu verheerenden Masernepidemien, wenn Kontakt mit Forschern oder Abenteueren zustande kam.

Traurigerweise sind es teils die gleichen Leute die heute den Weltuntergang durch Corona heraufbeschwören und gestern noch in der Elterngruppe vehement am Sinn von Impfungen zweifeln.

2020-03-16 Nachdem wir nun auf ein paar Tage Daten aus Deutschland zurückblicken können mach ich auch für die Zahlen bei uns mal einen Plot mit logarithmischer y-Achse, um zu prüfen ob und wie lang die Ausbreitung exponentiell ist:

Ja - Stand heute exponentiell.

2020-03-18: Heute die Zahlen vom 17.3. eingearbeitet. In Deutschland steigt es weiter und wir haben mal etwas wirklich ungewöhnliches: Offenbar ist einer der am 16.3. gemeldeten Coronatoten wieder auferstanden, jedenfalls sind am 17.3. nur 12 Tote in der Statistik...

2020-03-21: In Deutschland weiterhin exponentielle Zunahme. Bei uns in Bayern gilt seit heute die Ausgangsbeschränkung – ich bin gespannt, ob sie was bringt. Die Letalität in Deutschland ist bisher extrem gering und steigt auch kaum. So sieht das aus, wenn das Gesundheitssystem noch vollumfänglich funktioniert. Mal sehen, ob/wie lange wir das so aufrecht erhalten können.

2020-03-25: Seit vielleicht 1-2 Tagen scheinen wir in Deutschland eine ganz leichte Abweichung vom exponentiellen Wachstum zu bekommen. Aber meine Oma würde ich aktuell noch nicht darauf verwetten. Abwarten...

2020-04-02: Inzwischen flacht die Kurve für Deutschland auf der log-Skala zusehends ab und man sieht bei den neuen Fällen dass wir uns wohl in der Nähe des Höhepunks befinden dürften – vorausgesetzt, die Eindämmung bleibt konsequent bestehen. Also Daumen drücken.

2020-04-14: Ich habe wohl richtig gelegen: der Höhepunkt in Sachen neue Fälle war so um den ersten April herum. Seitdem sinkt die Zahl der Neuerkrankungen. Wenn das so bleibt sind wir ende April im Wesentlichen durch. Dann heißt es wachsam sein, damit es unter dann vermutlich gelockerten Bedingungen nicht wieder aufflammt.