Senioren-PC

Posted on So 27 Dezember 2020 in computer

Weihnachtszeit – Familien-Computer-Support-Zeit. Mein Schwiegervater hat ein Laptop mit dem er sich in erster Line im Netz tummelt: Email, Websurfen und so. Manchmal auch einen Brief schreiben und natürlich die Fotosammlung verwalten. Einigermaßen normale Sachen also. Wenn wir nicht vor Ort sind und es irgendwelche Problem gibt ist Fern-Support angesagt – mit Telefon und Teamviewer.

Auch hatte das Laptop (Win10 home) ein sehr seltsames Problem, das ich bisher nicht verstanden, geschweige denn in den Griff bekommen hatte: Thunderbird konnte keine Emails mit Anhang versenden! Wie bitte? Ja – Ihr habt richtig gehört. Email empfangen geht – mit oder ohne Anhänge, senden auch, aber nur ohne angehängte Bilder. Natürlich hatte ich schon den Thunderbird neu installiert und zwischendurch schien es auch mal zu gehen – also jedenfalls bis zu dem Moment unserer Abfahrt beim letzten Besuch.

Kürzlich hat der Teamviewer mir dann aber den Dienst versagt, weil wohl die Version auf dem Remote-Rechner zu alt war. Per Telefonanweisung einen neueren zu installieren ist letztlich gescheitert. Grumpf! Aber es ist ja Weihnachten und wir sind da.

Wie Ihr sicher beipflichten werdet, war nun also die zweite Eskalationsstufe der Windows-Systemwartung angesagt: OS-Neuinstallation.

Oh Du fröhliche LINUX-Zeit

Und so habe ich beschlossen, meinen Schwiegervater gleich auf LINUX upzugraden.

Warum? Ich erhoffe mir davon mehr Stabilität, weniger "Foo geht nicht mehr" und einfachere Fernwartung. Natürlich war er erstmal skeptisch, ob er Lust hat, sich an ein neues System zu gewöhnen, aber ich habe versprochen, dass das keine große Umstellung für ihn wird. Zuvor habe ich natürlich erstmal Bestandsaufnahme gemacht, was danach alles wieder funktionieren muss, damit ich nicht verstoßen werde:

  • Web-Surfen
  • Email
  • Texte schreiben
  • Tabellenkalkulation
  • Drucken/Scannen (HP Envy 5030)
  • Fotoverwaltung (Bisher Picasa)
  • LaTeX (er war Elektroingenieur)
  • Diverse Solitaire Kartenspiele (vormals Windows Solitaire Collection)
  • Fernwartung!

Erstmal Backup auf USB-Platte, dann platt machen und neu installieren. Ich habe ein aktuelles Ubuntu genommen und wollte von USB-Stick installieren. Aber vor den Installationsgenuss hat die Natur die Widrigkeiten der BIOS/Win10 Launcher/Secure-Boot Welt gesetzt. D.h. ich musste eine Weile rumwurschteln, bis das betreffende Laptop geneigt war, von meinem Stick zu booten.

Fensterverwaltung

Nach der Installation stellte sich dann die nicht unwichtige Frage, welche Desktopumgebung es werden soll. Der Ubuntu-Default Gnome3 kommt nicht in Frage – da findet sich kein Mensch zurecht. Soll ein älterer Mensch diese endlose Icon-Liste alphabetisch durcharbeiten, bis er das Programm gefunden hat, das er gerade sucht? Also falls er dann vor lauter anderer Software, von der er noch nie gehört hat, überhaupt noch weiß, was er eigentlich vorhatte...

Nee – da muss was eingängigeres her, das auch keinen Kulturschock beim Wechsel von Windows auslöst. KDE Plasma käme in Frage, aber das betreffende Laptop ist jetzt nicht gerade eine Performance-Rakete:

  • i3-7130U
  • 8GB RAM
  • Intel 620 HD Grafik

Im Grunde genug für die Anforderungen, aber schon unter Windows 10 war es teils quälend langsam. Also lieber etwas leichtgewichtiger. XFCE wäre eine Möglichkeit, aber ich wollte erstmal was moderneres testen. Also habe ich Cinnamon ausprobiert – das schien mir von der Optik her am verträglichsten für die Generation 80-plus und es machte einen angenehmen Eindruck.

Leider war das für den schwachen Rechner keine gute Wahl: es dauert eine halbe Ewigkeit, bis da mal ein Fenster aufgeht und die visuelle Rückmeldung, dass der Computer den Klick auch wirklich registriert hat und in der Tat ein Programm startet fehlte auch. Da wären Probleme vorprogrammiert. Nach etwas Recherche habe ich dann noch den soft-rendering Modus getestet, der tatsächlich schneller war, aber so richtig prickelnd fand ich auch das nicht.

Also Cinnamon wieder runterschmeißen und Mate versuchen. Das sieht auch ansprechend aus, lässt sich schön konfigurieren und war deutlich reaktionsfreudiger, als Cinnamon. Sehr schön!

Software

Wir erinnern uns an obige Anforderungsliste. Also habe ich zunächst mal die Basics installiert und auf dem Desktop verfügbar gemacht:

War natürlich alles in der Distribution enthalten, so dass ich keine Klimmzüge machen musste.

Der Reality-Check ergab, dass sich der zukünftige LINUX-Senior sofort gut zurecht gefunden hat. Sehr gut. Drucker und Scanner liefen auf Anhieb – allerdings nur über USB. Via WLAN war irgendwie der Wurm drin, aber egal.

Fernwartung

Als erstes natürlich openssh-server installieren und einrichten.

Erstmal meinen public key auf den neuen Rechner transferieren (Befehle auf meinem Laptop):

scp .ssh/id_rsa.pub  NEWLAPTOP:

ssh NEWLAPTOP
mkdir .ssh
mv id_rsa.pub .ssh/authorized_keys

Und password-logins verbieten. Dazu müssen wir die Datei /etc/ssh/sshd_config editieren (mit sudo) und sicherstellen, dass diese beiden Dinge so drin stehen:

PasswordAuthentication no
[...]
PubkeyAuthentication yes

Nun noch sicherstellen, dass im Router Port Forwarding richtig eingestellt ist (Port 22 -> auf das Laptop). Und schon sollte der ssh-Zugriff leicht und sicher sein (Ausprobieren nicht vergessen!). Damit kann ich das System gut aus der Ferne pflegen.

Aber so kann ich noch keine Hilfestellung bei Problemen geben, denn dazu brauche ich Remote-Desktop-Sharing. Teamviewer fand ich unter LINUX suboptimal. X2GO habe ich nicht gleich zum Laufen gekriegt und auf die diversen VNC-Varianten hatte ich grade keine Lust. Also habe ich AnyDesk genommen. Das macht im Grunde das gleiche, wie Teamviewer und ich hatte in der Vergangenheit schon manchmal damit gearbeitet und es schien gut zu funktionieren. Das ist ein kommerzielles Produkt, aber für den Privatgebrauch umsonst. Und es gibt ein deb-Repository, was mir spontan sympatisch war.

Ungemach

Und so dachte ich, wir könnten nun zum Plätzchenessen übergehen. Falsch gedacht!

Das komische Email-Problem, dass wir schon unter Windows hatten war wieder da!?! Thunderbird schaffte es nicht, Emails mit größeren Anhängen zu verschicken (SMTP-Server-Timeout). Hä? Was'n da los? Liegt da ein Fluch auf dem Laptop, oder was?

Also Problemsuche. Email an sich geht. Internet scheint normal zu laufen – z.B. Youtube-Videos gehen ganz ok für DSL-16. WLAN zeigt zwei bis drei von vier Balken, was ganz gut ist, da die Fritzbox einen Stock tiefer steht. Was zum Geier ist da los?

> sudo apt-get install speedtest-cli
> speedtest
Retrieving speedtest.net configuration...
Testing from Deutsche Telekom AG (87.180.xxx.xxx)...
Retrieving speedtest.net server list...
Selecting best server based on ping...
Hosted by XXX [xx.49 km]: 17.822 ms
Testing download speed.....................
Download: 12.09 Mbit/s
Testing upload speed.......................
Upload: 0.00 Mbit/s

Oh!

0.0 Mbit/s sind nicht viel.

Der gleiche Test auf meinem Laptop ergab eine Steigerung der Upload Geschwindigkeit um den Faktor unendlich auf 1.25 MBit/s, was zu der Geschwindigkeit passt, die die Fritzbox angibt.

Hm.

> iwconfig
wlp3s0    IEEE 802.11  ESSID:"XXXXXXX"
      Mode:Managed  Frequency:2.437 GHz  Access Point: C0:25:06:XX:XX:XX
      Bit Rate=1 Mb/s   Tx-Power=20 dBm
      Retry short limit:7   RTS thr:off   Fragment thr:off
      Power Management:on
      Link Quality=44/70  Signal level=-66 dBm
      Rx invalid nwid:0  Rx invalid crypt:0  Rx invalid frag:0
      Tx excessive retries:0  Invalid misc:37   Missed beacon:0

Die Bitrate ist ja auch nicht gerade prickelnd. Was ist denn da überhaupt für ein WLAN-Chip drin?

> lspci
[...]
03:00.0 Network controller: Qualcomm Atheros QCA9377 802.11ac Wireless Network Adapter (rev 31)
[...]

Aha – ein Atheros Chip. Firmware-paket? Nee – dmesg sagt, die Firmware konnte geladen werden. fwupdmgr update ergab nichts aktualisierbares. Die Fritzbox läuft auf der aktuellsten Firmware. Die WLAN-Einstellungen im Router sahen alle OK aus und alle anderen Geräte im WLAN hatten keine Probleme. WTF???

Mal googeln. Der Suchbegriff "QCA9377 upload slow fritzbox" lieferte zwar keine Lösung, aber zumindest Leidensgenossen. Einer meinte, das könne daran liegen, dass die Karte in der falschen Regulatory Domain läuft. Also

> iw reg get
global
country 00: DFS-UNSET
        (2402 - 2472 @ 40), (N/A, 20), (N/A)
        (2457 - 2482 @ 20), (N/A, 20), (N/A), AUTO-BW, PASSIVE-SCAN
        (2474 - 2494 @ 20), (N/A, 20), (N/A), NO-OFDM, PASSIVE-SCAN
        (5170 - 5250 @ 80), (N/A, 20), (N/A), AUTO-BW, PASSIVE-SCAN
        (5250 - 5330 @ 80), (N/A, 20), (0 ms), DFS, AUTO-BW, PASSIVE-SCAN
        (5490 - 5730 @ 160), (N/A, 20), (0 ms), DFS, PASSIVE-SCAN
        (5735 - 5835 @ 80), (N/A, 20), (N/A), PASSIVE-SCAN
        (57240 - 63720 @ 2160), (N/A, 0), (N/A)

Scheint zu stimmen. Also

iw reg set DE

Nun ist es korrekt gesetzt. Das Problem beseitigt hat es aber nicht. Das allwissende Netz meint, das sei ein spezifisches Problem zwischen diesem speziellen Atheros Chip und der Fritzbox 7390. Na toll!

Bei genauerer Betrachtung, dürfte darin auch der Grund liegen, dass der Drucker/Scanner via Netzwerk nicht so recht wollte...

Letztlich habe ich das Laptop mitgenommen und zuhause einen kampferprobten Intel AC 7260 Adapter aus meinen alten Thinkpad transplantiert. Ich hoffe, damit ist das Problem gelöst...