Klopapier

Posted on Sa 14 März 2020 in Medicine

Der Gallier fürchtet bekanntlich nur eins – dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte! (Quelle). Dem Germanen hingegen scheint vor allem der Gedanke Panik zu bereiten, dass ihm das Klopapier ausgehen könnte. Zumindest in Zeiten des Corona-Virus. Bisher hatte ich immer stolz berichtet, dass die Leute in meiner Gegend nicht plemplem sind und es problemlos Rollen zu kaufen gibt. Und heute nun das:

Ich finde das ist Grund genug, diesem zentralen Gegenstand der deutschen Kultur einen eigenen Beitrag zu widmen.

Geschichte

Angeblich wurde das Klopapier von dem Volk erfunden, das eigentlich so ziemlich alles erfunden hat, wenn man tief genug bohrt: den Chinesen. Für Hobby-Verschwörungstheoretiker kommt da eigentlich nur ein Schluss in Frage: Chinesen haben das Corona-Virus erfunden, um ihrer viel zu wenig beachteten Erfindung des Klopapiers eine Bühne zu bieten.

In Deutschland war es Hans Klenk, der 1928 die erste Fabrik für Toilettenpapier gründete. Davor haben die Leute sich den Hintern nach erfolgreicher Verrichtung vermutlich sandgestrahlt.

Kritik und Dissens

Es ist klar, dass ein Gegenstand von so monumentaler Bedeutung im Laufe der Jahrzehnte zu zahlreichen Disputen zwischen Laien und Experten gleichermaßen geführt hat. Da ist zum Beispiel die Frage, ob die korrekte Anwendung im Falten, Knüllen oder Wickeln des Klopapiers besteht.

Diesbezüglich scheint es auch nationale Unterschiede zu geben, so wurde berichtet, dass im angloamerikanischem Kulturraum das Knüllen als bevorzugte Technik vorherrsche, während im zivilisierten Europa eher gefaltet würde. Bei uns in Deutschland möglicherweise auch manchmal mit einem Lineal – Ordnung muss sein. Und überhaupt kann es kaum eine Diskussion darum geben, dass Amerikanisches Klopapier eine Zumutung für zivilisierte Menschen darstellt, da es hart, dünn und schlecht perforiert ist. Und als wäre das nicht genug, folgt es auch keinem DIN-Format.

Eine andere Frage sollte eigentlich als geklärt gelten, nämlich dass die Klorolle unter allen Umständen so im Halter zu plazieren ist, dass das freie nächste Blatt leicht verfügbar vorne an der Rolle gefasst werden kann. Dennoch flammen immer wieder kleinere Revolten von Neo-Hintenabrollern auf, die aber gewöhnlich schnell niedergeschlagen werden können.

Auch die Frage der korrekten Körperhaltung ist Gegenstand von lebhafter Diskussion: Sitzen, Stehen oder Handstand? Ich hab da eine klare Meinung übe mich aber gegenüber Andersgläubigen in Toleranz.

Zum Glück hat die Welt das Thema ernst genommen und das getan, was bei lebenswichtigen Themen sinnvoll ist: eine Norm erlassen. Also eigentlich eine Ganze Familie von Normen. In unserem Fall handelt es sich um die die internationalen Norm DIN ISO EN 12625-X Tissue paper and tissue products, die vom Technischen Kommittee ISO/TC 6/SC 2 gepfelgt werden und unter die auch Klopapier fällt. Diese gliedert sich in zahlreiche Teile, deren Titel ich Euch nicht vorenthalten möchte:

  • ISO 12625-1; Part 1: General guidance on terms
  • ISO 12625-3; Part 3: Determination of thickness, bulking thickness and apparent bulk density and bulk
  • ISO 12625-4; Part 4: Determination of tensile strength, stretch at maximum force and tensile energy absorption
  • ISO 12625-5; Part 5: Determination of wet tensile strength
  • ISO 12625-6; Part 6: Determination of grammage
  • ISO 12625-7; Part 7: Determination of optical properties — Measurement of brightness and colour with D65/10° (outdoor daylight)
  • ISO 12625-8; Part 8: Water-absorption time and water-absorption capacity, basket-immersion test method
  • ISO 12625-9; Part 9: Determination of ball burst strength
  • ISO 12625-10; Part 10: Determination of demand water absorption rate and capacity, under controlled hydraulic pressure (Inactive)
  • ISO 12625-11; Part 11: Determination of wet ball burst strength
  • ISO 12625-12; Part 12: Determination of tensile strength of perforated lines — Calculation of perforation efficiency
  • ISO 12625-13; Part 13: Determination of the spectral reflectance factor (brightness) at the wavelength r 457 nm with and without uv stimulus and opacity (DRAFT)
  • ISO 12625-15; Part 15: Determination of optical properties — Measurement of brightness and colour with C/2° (indoor daylight) illuminant
  • ISO 12625-16; Part 16: Determination of optical properties — Opacity (paper backing) — Diffuse reflectance method
  • ISO 12625-17; Part 17: Determination of disintegration in water
  • ISO 12625-18; Part 18: Determination of Tensile Modulus
  • ISO 12625-19; Part 19: Determination of surface friction

Die Teile 2 und 14 scheint es nicht zu geben – jedenfalls konnte ich sie nicht finden. Und wie man sieht sind nicht alle Teile aktuell aktiv. Wir können uns aber einigermaßen sicher fühlen, dass rund um die Klorolle alles bestens geregelt ist.

Verbrauch

Der Verbrauch von Klopapier wurde verschiedentlich untersucht und es finden sich z.B. Angeben wie 15kg Klopapier pro Kopf und Jahr oder auch 20 Blatt am Tag in Deutschland.

Was wollen die Leute mit all dem Klopapier?

Das Klopapier meines Vertrauens ist 4-lagig und kommt auf Rollen mit je 160 Blatt. Wenn wir mal die oben zitierten 20 Blatt am Tag zugrundelegen reicht so eine Rolle für eine Person also für \(160 / 20 = 8\) Tage. Eine handelsübliche Packung enthält 8 Rollen und sichert entsprechend \(8 \cdot 8 = 64\) Tage ungetrübten Toilettengang. Oder 2 Wochen für eine 4-5köpfige Familie.

Was zum Geier sollen dann die Hamsterkäufe??? Selbst wenn die ganze Familie 14 Tage in Quarantäne müsste und aus unerfindlichen Gründen keine Möglichkeit gefunden werden kann, dieses Lebenselixier von Nachbarn, Freunden oder der Feuerwehr nachliefern zu lassen, reicht eine haushaltsübliche Packung problemlos!

Also muss da mehr dahinter stecken. Bekanntermaßen hamstern die Leute gerade auch lang haltbare Lebensmittel. Vielleicht liegt hier der Hund begraben? Klopapier ist zweifellos sehr lang haltbar. Jedenfalls musste ich noch nie welches wegwerfen weil es verdorben war. Hauptbestandteil von Papieren aller Art ist Zellulose ein Makromolekül aus der Familie der Polysaccharide. Das Monomer ist die Cellobiose, die ihrerseits aus je zwei Glukosemolekülen besteht. Zuckervorrat also!

Cellulose, Strukturformel. Quelle: Wikimedia

Aber die Sache hat einen Haken, denn der Mensch verfügt nicht über das nötige Enzym, um Cellulose zu verdauen und so können (und sollten) wir zwar Cellulose essen, aber wir können keine Energie daraus gewinnen und sie wird so wieder ausgeschieden, wie sie aufgenommen wurde. Sowas nennt der Ernährungsfachmann Ballaststoffe. Kühe haben das besser hinbekommen: die haben diverse Mägen und einer davon (der Pansen) ist im Wesentlichen ein Bioreaktor, der fleißige Bakterien beherbergt, die wiederum das nötige Werkzeug besitzen, um Zellulose zu spalten, so dass das Rindvieh diesen Bestandteil der pflanzlichen Ernährung verwerten kann. In der folgenden Abbildung ist er mit dem Buchstaben v gekennzeichnet:

Die Mägen der Kuh. V: Pansen. Quelle: Wikimedia

Das fehlende Enzym heißt Cellulase und spaltet die Zellulose in Glukose auf, welche wir dann problemlos verwerten können. Und so sieht es aus:

Cellulase, 3D Struktur nach PDB. Wer einen 3D-Drucker hat könnte versuchen ein Modell zu produzieren. Aber leider funktioniert das dann nicht in echt. Quelle: Wikimedia

Wenn den Klopapiersammlern nun ein Pansen wachsen würde, oder sie vielleicht das nötige Enzym in Kapselform schlucken würden, dann könnten sie Ihre Rollenvorräte essen. Ich hab mal nachgewogen und eine meiner Klorollen wiegt 130g. Wenn wir mal vereinfacht annehmen, dass das komplette Gewicht aus Glukose bestünde (die pro 100g 405 kcal liefert), dann hätte die Rolle einen Nährwert von \(405 / 100 \cdot 130 = 526.5\) kcal.

Der Tagesbedarf eines Erwachsenen bei geringer körperlicher Aktivität (was soll man in Quarantäne schon groß machen?) beträgt so in der Größenordnung von 2000kcal. Also könnte man sich mit einem 8er-Pack Klopapier grade mal gute zwei Tage über Wasser halten. Wenn man die ebenfalls gehamsterten Vorräte von Pflaumen im Glas als Beilage verwendet ist das Ganze weniger trocken und reicht noch eine Ecke weiter. Wenn man bedenkt, wieviel Platz eine Packung Klopapier einnimmt, dann ist das nicht sehr effizient. Lieber gleich Zucker auch wenn der wiederum im Bad nicht wirklich zu gebrauchen ist.

So richtig gesund ist das nun auch nicht, denn Klorollen enthalten echt wenig Vitamine, kaum Protein (evtl. ein bisschen im Klebstoff) und kein Fett. Neuer Trend zu High-Carb?

Fazit

Ich hab genug Klopapier da und kauf mir lieber was für die Werkstatt.