Kaufempfehlungen

Posted on Di 16 Januar 2024 in Computer & Electronics

Wenn Ihr, wie ich, gerne Sachen bastelt, repariert und modifiziert, dann kennt Ihr die Qual er Wahl beim Werkzeugkauf. Egal, ob Oszilloskop, Schweißgerät oder Motorsäge – die Auswahl ist schier unüberschaubar und die Preisspanne atemberaubend. Also studiert man die einschlägigen Online-Händler, ein paar Fachhändler und verbringt die kommenden Wochen mit YouTube Videos zum Thema. Schließlich will jede Ausgabe wohlüberlegt sein, denn natürlich will ich das bestmögliche Gerät für mein Budget finden.

Und schon ist man mitten drin im Maker Werkzeugkauf-Dschungel! Um meinen Punkt zu illustrieren, verwende ich mal das Beispiel Schweißgerätekauf – aber das Prinzip gilt eigentlich für jede Werkzeuganschaffung für den privaten Maker-Space. Mein konkreter Schweißgerätekauf liegt schon etwas zurück, aber ein Freund hat sich gerade eins gekauft und so fand ich das ein schönes Beispiel. Ich habe im Folgenden auch vieles aufgenommen, das mir garnicht selbst passiert ist, aber ich nehme mir mal die Kunstfreiheit, auch Dinge einzubauen, die ich bei anderen gesehen habe...

Wir kaufen ein Schweißgerät

Ich wollte endlich mehr mit Metall machen und dazu will ich ein Schweißgerät haben. Schweißen ist cool und wie es scheint, kann man damit wirklich viele Sachen machen und außerdem lerne mal wieder eine neue Fähigkeit – perfekt! Also nur noch schnell ein Gerät auswählen, etwas Metallschrott besorgen und schon ist man mitten drin in der Welt der Metallarbeit – ob Gartenskulptur, Kleinreparatur, oder Wolkenkratzerbau – nichts wäre mir mehr unmöglich!

Also auf ins Internet und schlau machen, was man so braucht. Schnell stellt man dann fest, dass es diverse verschiedenen Schweißverfahren gibt, die in Reichweite des Heimwerkers liegen:

  • Elektrode
  • MIG/MAG
  • Fülldraht
  • TIG/WIG

Also mal schlau machen, welche Vor- und Nachteile die so haben. Außerdem ist zu klären, wieviel Wumms das Gerät haben soll – also welchen Strom es so liefern kann. Und auch da enden die Entscheidungen nicht, denn die meisten Methoden haben viele Varianten und Parameter und nur die teureren Geräte unterstützen so Sachen, wie Puls-Schweißen, Hochfrequenzzündung oder Synergiesteuerung.

Was also soll ich wollen???

Guter Rat ist teuer

Und bevor wir's uns versehen sind wir dann in einem Spezialforum für Profi-Schweißer angemeldet. Zunächst lesen wir nur ein paar Beiträge, aber dann fassen wir uns ein Herz und: stellen eine Frage! So in der Art:

Hallo Ihr,

Ich bin Neuling und möchte mir mein erstes Schweißgerät kaufen. Ahnung habe ich noch keine, bin aber aber hochmotiviert! Welches Gerät soll ich kaufen?

Vielen Dank für Euren Rat!

Schnell auf Senden klicken und ab dem Moment haben wir immer einen Browser-Tab offen mit dem Forum. Und checken alle 5 Minuten, ob schon Antworten gekommen sind.

Es dauert zwar aber ein bisschen, aber die Antworten kommen. Und so sehen sie aus:

Helmuth Handwerker:

Deiner Frage entnehme ich, dass Du keine abgeschlossene Ausbildung in einem Metallberuf hast. Schweißen ist eine Kunst, die man nicht über Nacht lernt und schon garnicht mit so modernem Quatsch, wie YouTube. Ich rate Dir also, erstmal garkeins zu kaufen, sondern erstmal eine Lehre zum Schweißfachprofi zu machen. Danach kennst Du Dich einigermaßen aus und weißt eh was Du brauchst.

Hm – eigentlich hatte ich nicht vor, mehrere Jahre zu investieren, sondern erstmal mit was kleinem loszulegen. Learning by doing und so. Vielleicht ist ja der nächste Beitrag ermunternder:

Peter Profi:

Mit den mageren Angaben kann Dir hier keiner helfen. Liefer uns erstmal klarere Aussagen dazu, was Du eigentlich machen willst. Welche Materialstärke? Welches Material? Stahl, Edelstahl, Aluminium, Titan, Kryptonit? Flugzeugbau, Brückenkonstruktion, oder Autoblech? etc.

Er hat sicher einen Punkt, aber ich bin Maker – ich will das ALLES irgendwie können, aber eben nix davon ständig! Es muss doch irgendwas geben, das einigermaßen vielseitig ist? Oder?

Aber selbst wenn ich genau benennen könnte, was genau ich machen will, bleibt ja auch noch die Frage, Welche Marke und welches Gerät ich genau kaufen sollte. Natürlich stößt man schnell auf die gut etablierten Profi-Marken, aber wenn man überhaupt Preise findet, sind die typischerweise so hoch, dass einen der Gedanke beschleicht, dass da auch ein Mittelklassewagen im Lieferumfang ist. Andererseits locken zahlreiche bezahlbare bis spottbillige Geräte made in China. Und auch dazu hat das Forum natürlich zahlreiche Meinungen:

Stefan Schmied:

Wer den Kernschrott aus China kauft ist selber schuld. Ich geh lieber zum Schweißhändler im Nachbardorf – den kenn ich schon ewig und da kann ich das Ding auch vor Ort ausprobieren Und wenn mal was ist repariert der mir das sofort. Die Chinadinger fallen ja schon auseinander, wenn ich die mal etwas herzlicher hinten auf den Trecker packe. Nee - sowas kommt mir nicht ins Haus.

Aber auch die Gegenseite meldet sich zu Wort:

Bernhard Bastler:

Also ich hab meins für 100€ gekauft – aus China, aber Top Qualität. Ich hab damit einen Kran im Garten geschweißt und hat alles gehalten, als wir den Pool im gefüllten Zustand damit versetzt haben. Wenn man Ahnung hat kann man damit alles machen.

Der Karlheinz auf YouTube hat auch lauter Geräte von der Marke und der empfiehlt die auch immer. Der Mann hat Ahnung!

Und auch die Fans von Antiquitäten melden sich:

Thomas Trödler:

Kauf Dir ein gebrauchtes Profi-Gerät von einem namhaften Hersteller mit einem richtigen Trafo drinne – die sind unzerstörbar und schweißen alles. Die Maschinen aus der Serie "Hephaistos" von Pfuschmüller & Söhne werden immer wieder im Forum angeboten und kosten kaum mehr als drei Chinaböller. Nimm gleich das 900A Modell mit der Wasserkühlung und dem Zweimannbrenner – dann bist Du gerüstet.

Ja – die haben manchmal einen gebrochenen Trafokernschaftflansch, aber der ist leicht zu ersetzen, wenn man keine zwei linken Hände hat und weiß, wie man eine Drehbank benutzt.

Also eigentlich wollte ich keine 1500 Euro für einen 50 Jahre alten Metallkasten von 400kg ausgeben, der so groß ist, dass ich nicht mehr in die Werkstatt reinpasse, wenn er drinsteht. Außerdem bin ich kein Schweißgerätetechniker – wie in aller Welt soll ich denn beurteilen, ob das Teil das ich da kaufe überhaupt funktioniert, oder nicht irgendwelche schwerwiegenden Probleme hat? Von "kleinen Reparaturen" ganz zu schweigen! Nee.

Und welches Schweißverfahren sollte ich wählen? Auch dazu bekommt man Empfehlungen. Z.B. den pädagogisch motivierten:

Lehrer Lempel:

Man sollte immer mit dem Elektrodenschweißen beginnen. Da lernt man wenigstens wirklich, wie das geht und wenn man das mal gemeistert hat sind die anderen Methoden leichter. So haben auch schon unsere Vorväter geschweißt. -> Das einzig Wahre.

Die Fraktion der Hedonisten meint:

Paul Praktisch:

Unbedingt MIG. Das ist so einfach wie Heißklebepistole und Du hast sofort Erfolge. Das ist einfach die vielseitigste Methode.

Aber auch TIG hat glühende Bewunderer:

Daniel Düsentrieb:

Ich würde TIG nehmen. Damit kann man von super dick bis ganz filigran alles Schweißen und das Auge isst schließlich mit. Keine andere Methode liefert so ästhetisch ansprechende Schweißnähte wie TIG. Nimm gleich ein AC/DC Gerät, dann ist auch Alu kein Problem.

Irgendwie habe sie ja alle Recht, aber was soll ich nun tun?

Kurz war ich dann versucht, tatsächlich ein neues Markengerät zu kaufen und fragte:

Wenn ich mir ein neues gönne, welcher Hersteller ist denn zu empfehlen?

Immerhin bekommt man auf klare Fragen auch klare Antworten:

Lurch – alles andere ist Mist! ...

Murkel – nur die können's wirklich! ...

Nonius ist das einzig wahre. ...

Jockel! ...

EMW sind die besten. ...

Krehm – nur die kommen mir in die Werkstatt. ...

Gut, dass sich alle einig sind...

Kaufentscheidung

Die haben doch alle einen an der Waffel! Am Ende hab ich mir ein Gerät aus chinesischer Produktion aber mit europäischem Vertrieb und Support gekauft. Es hat wirklich viele Funktionen (vermutlich mehr, als ich je beherrschen werde) und hat auch durchaus Geld gekostet, aber lang nicht so viel, wie ein "echtes Markengerät". Soweit ich das beurteilen kann, schweißt es sehr schön (und würde noch viel schöner schweißen, wenn ich es besser könnte). Handwerkerqualität ist es sicher nicht, aber ich bin sehr zufrieden.

Apropos Handwerker: Als Maker habe ich einfach total andere Anforderungen als ein Handwerker. Das verstehen leider viele Leute nicht in ihren wohlgemeinten Tipps. Und das sollte man bei der Werkzeugwahl beachten. Z.B.:

  • Ich weiß nicht was genau mein Anwendungsfeld ist, denn ich will es heute für dies und morgen für das verwenden. Und das erfordert Kompromisse.
  • Ich kann kein altes Profigerät einfach so beurteilen oder gar reparieren – und wenn, dann ist es ein Projekt und keine simple Reparatur.
  • Sollte mein Schweißgerät den Geist aufgeben, dann ruf ich kurz "Sch***e", such mir ein anderes Projekt für dieses Wochenende und bestelle parallel ein Neues. Zwei dieser Geräte sind dann immer noch halb so teuer wie ein Profigerät.
  • Ich verdiene mein Geld nicht mit Schweißen – also ist die Wartezeit bei Defekt nur in kleines Ärgernis.
  • Ich kaufe das privat – d.h. ich zahle auch die Mehrwertsteuer! Und der Kauf ist auch keine Betriebsausgabe, die dann meinen Gewinn steuersparend mindern würde.
  • Als Maker sehne ich mich nach zahlreichen Werkzeugen aus vielen Bereichen – Elektronik, Holzwerken, 3D-Druck, Metallbearbeitung, ... Ich kaufe zwar für mein Leben gerne Qualitätswerkzeug, kann und will mir das aber nicht in allen Feldern gleichzeitig leisten.

Fazit

Ich habe das Beispiel Schweißgerät gewählt, aber das gilt alles auch zu 100% für alle anderen Werkzeuganschaffungen. Also lasst Euch nicht kirre machen...